Freitag, 2. Mai 2008

Back to black

Schon Gottfried Keller wusste es: Kleider machen Leute. Für jeden Anlass haben wir die mehr oder weniger passende Garderobe im Kleiderschrank, die es uns gestattet, immer korrekt gekleidet zu sein. Denn – Gott bewahre – wir gehen zu einem Event und stellen auf einmal fest „hopelessly overdressed“, dann braucht man selbst nichts mehr, dann vervollständigen sämtliche Anwesende den Satz mit „… and underfucked“. So schnell kann ein Abend gelaufen sein…

Aber zum Glück gibt’s die berühmten Dresscodes: black tie, white tie, come as you are, Cocktail… mit einem kleinen Blick in die gängigen Benimmbücher und einem zweiten Blick in den Kleiderschrank sollte alles geklärt sein. Problematisch wird die Geschichte nur, wenn der Kleiderschrank dringend der Aufstockung bedarf.

Es gibt einen Anlass, für den möchte man nicht immer outfitmäßig gewappnet sein: Beerdigungen. Schon gar nicht, wenn der Mensch, den man verabschiedet, so eng verwandt ist, dass der Anstand „tiefe Trauer“ gebietet. Und während es für die Männer in diesem Fall noch ziemlich einfach ist – schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Kravatte, schwarze Schuhe – so sehen wir Frauen uns mit der Tatsache „ganz in schwarz“ konfrontiert (wobei ich für mich die schwarzen Strümpfe generell boykottiere – schwarze Strümpfe hab ich zuletzt in der Tanzschule getragen, und das ist mittlerweile nicht mehr wahr).

Ganz in schwarz… gut, das schwarze Kostüm ist in der Reinigung, die „guten Schuhe“ (sprich: bequem und nicht zu hoch) sind beim Schuster, bleibt lediglich noch die Frage offen, was zieht man unter den Blazer an. Ich weiß, mittlerweile ist es üblich, unter einem Kostüm einfach ein T-Shirt zu tragen. Ich finde allerdings ein schlichtes T-Shirt nicht angemessen, ich möchte eine schwarze Bluse tragen. Da es Anfang Mai mitunter auch schon wärmer sein kann (und es recht kuschelig werden kann, wenn man komplett schwarz angezogen in der prallen Sonne steht), und Beerdigungen ohnehin nicht sonderlich erbaulich sind, möchte man sich die ärgste Qual – sturzbachartige Schweißausbrüche - ersparen. Ich möchte also eine kurzärmelige schwarze Bluse, die ich unter meinem ebenso schwarzen Blazer zu meinem schwarzen Rock tragen kann. Und da ich in meinem Kleiderschrank eben keine kurzärmelige schwarze Bluse beheimate, muss frau eben das tun, was zu tun ist: einkaufen gehen.

Ich muss gestehen, die Shoppingerwartung für eine schlichte, schwarze Bluse ist nichts, was in die Kategorie „herausfordernd“ fällt. Und so überlege ich: in die Stadt rein fahren, zum Herrenhutterhaus marschieren, schwarze Bluse raussuchen, probieren, bezahlen und dann noch zu Starbucks auf einen Chai Latte mit Sojamilch düsen. Veranschlagte Zeit: 10 Minuten – das allerdings nur, wenn ich dort drei verschiedene Blusen anprobieren muss.

Ich marschiere also zum Fürnkranz, treibe mich in der Blusenabteilung herum, finde einige schwarze Blusen mit langen Ärmeln. Eine nette Verkäuferin kommt auf mich zu und bietet mir ihre Hilfe an – die ich dankbar annehme: „ich hätte gerne eine schwarze Bluse mit kurzen Ärmeln“. Die Verkäuferin schüttelt bedauernd den Kopf „nein, tut mir leid, so was haben wir nicht“. Okaaaaaaay, das könnte nun doch etwas schwieriger werden. „Darfs vielleicht etwas anderes sein, wir hätten da sehr nette T-Shirts“. Ich will nun wirklich nicht auch noch über meinen Blusenwunsch diskutieren, also zücke ich die „ich brauch’s für eine Beerdigung“-Karte. Nein, leider, da kann sie mir nicht weiterhelfen, aber vielleicht die Kollegin im Tiefgeschoß.

Ich also runter in den Keller, Verkäuferin gesucht, wieder meine Bitte um eine schwarze Bluse mit kurzen Ärmeln vorgetragen. Und – um etwaige Verkaufsbemühungen in Richtung „vielleicht doch lieber etwas Flotteres“ gleich im Keim zu ersticken, ergänze ich den Wunsch wieder mit dem berühmten „ich brauch’s für eine Beerdigung“. Kopfschütteln. Leider, schwarze Blusen mit Kurzarm gibt es nicht.

Gut, wohin schaue ich als nächstes? Hm, vielleicht Don Gil Donna im Steffl – die haben eine Riesenauswahl. Und tatsächlich, als ich die Regale durchforste, sehe ich eine nette schwarze kurzärmelige Bluse von Dolce & Gabbana, die ein mittleres Vermögen kostet, allerdings nur in Größe 40. Also suche ich mir eine Verkäuferin und frage, ob’s die Bluse denn auch ein bisschen größer gibt. Die Verkäuferin (ca. halb so alt wie ich) schaut mich an und sagt nur „nein, also größer als 40 führen wir nicht“. Hallo? Marilyn Monroe trug immerhin Größe 42… Und in Oberteile Größe 40 hab ich nicht mal gepasst, als mein Hintern noch mit Größe 36 herumgelaufen ist. Gut, Notiz an mich selbst: wenn ich mich wieder in 40 hineingesportelt habe, werde ich aus Protest nie in diesem Geschäft einkaufen. Also "hinten raus" beim Steffl und ab zum "Alexander" - auch dort ein Kopfschütteln: nein, keine schwarze Kurzarmbluse.

Nächster Shop, Fürnkranz Couture. „Naja, sie können ja durchschauen, ob sie irgendwo eine schwarze Bluse finden“. Bitte????? Schon mal was von dem kleinen Wörtchen „Service“ gehört?

Mittlerweile ist die ohnehin nur sehr latent vorhandene Shoppinglaune endgültig im Keller gelandet. Kann es das geben? Gibt es in ganz Wien keine kurzärmeligen schwarzen Damenblusen in Größe 42? Und gab es etwa einen Erlass, dass die Wiener nur noch in der kühleren Jahreszeit das Zeitliche segnen sollen, damit wir Hinterbliebenen mit langärmeligen schwarzen Blusen zur Beerdigung gehen können und dabei keinen Hitzschlag erleiden? Ist sterben nur noch bei Schlechtwetter gestattet?

Meine Rettung ist schließlich ein klitzekleines Geschäft vis-a-vis von der Staatsoper. Ich stolpere in den van Laack Store und schaue die Verkäuferin sehr verzweifelt an „bitte sagen sie mir, dass sie schwarze kurzärmelige Damenblusen verkaufen“. Die Verkäuferin nickt, in 2 Minuten bin ich in der Bluse drin und weitere 2 Minuten später unterschreibe ich den Kreditkartenbeleg. Wir plaudern noch ganz kurz miteinander und die Verkäuferin erklärt mir, dass schwarze Blusen halt grad nicht in Mode sind.

Na, dann bleibt nur zu hoffen, dass das auch einer dem Quiqui g'sagt hat…

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