Samstag, 19. April 2008

Great Expectations

Es gibt kaum etwas, das uns im Leben so stark beeinflusst wie unsere Erwartungen. Geben wir offen zu: wir gehen nur sehr selten unvoreingenommen auf eine neue Situation oder eine neue Person zu. Und wenn man sich mit Freunden für den Abend verabredet, dann hat man meist eine gewisse Erwartungshaltung, wie wohl der Abend werden wird. Wenn man mit einer großen Runde an netten Leuten unterwegs sein wird, erwartet man, dass der Abend lustig wird. Eilt man einer Freundin in einer Liebeskummerkrise zur Hilfe, erwartet man, dass der Abend tränenreich wird. Und hat man am Samstagabend eine Familieneinladung mit der Großtante ausgefasst, dann erwartet man, dass es tierisch langweilig wird…

Die Crux mit den Erwartungen ist allerdings: sie treffen nicht immer so ein, wie man es sich vorstellt. Der coole Singleurlaub ins Luxusressort kann recht rasch zu einem langweiligen am-Pool-liegen-und-den-Sonnenschirm-anstarren verkommen. Die Firmenveranstaltung, wo man sich nur mit größtem Widerwillen hinschleppt, wird die Party des Jahres. Ich selbst habe ja die Erfahrung gemacht: wenn man sich auf etwas besonders freut, dann wird es ein lahmer Abend. Und wenn man irgendwo eigentlich gar nicht hingehen möchte, und man den inneren Schweinehund nur mit größter Mühsal davon überzeugen kann, dass man sich nun doch vom Sofa hochhievt und den Luxuskörper zu der ungeliebten Veranstaltung schleppt, dann wird der Abend wider Erwarten ein Knaller. Quasi eine Art „Antithese“ zu Murphys Gesetz „alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen“.

Ja, auch ich bin ein Mensch, der von seinen Erwartungen geknechtet ist. Es ist Freitagabend, und im Wiener U4 steht eine Falco Night an. Ich stehe dazu: ich bin ein Kind der 80er und ich vergöttere Falco – der Meister des Zynismus schlechthin. Und noch dazu in seinem früheren 2. Wohnzimmer – der Abend kann einfach nur genial werden. Also verabrede ich mich mit meiner Freundin Johanna zu einer Nacht im U4.

Wobei ich jetzt noch mit einem kleinen Outing überraschen muss: ich war vorher noch nie im U4. In meinen ganzen 34 Jahren in Wien habe ich es noch nicht geschafft, in dieses Kultlokal zu gehen (zu meiner Entschuldigung muss ich sagen: im Schloss Schönbrunn und der Hermesvilla war ich auch noch nie – einige Dinge in Wien gibt’s einfach nur für die Touristen). Zu der Zeit, wo STS in „Fürstenfeld“ von grünhaarigen Punkerinnen gesungen hat, war ich einfach noch zu jung für die Disco, und als ich endlich alt genug war, hat’s mich nimmer gereizt. … obwohl ich mich natürlich immer gefragt hab, ob mir dadurch etwas Wesentliches in meinem Leben entgangen ist, schließlich liest man ja auch immer wieder von extrem coolen Parties dort. Wie dem auch sei – gestern sollte dann die Nacht der Nächte sein, die mich von meinem U4-Jungfrauentum erlöst.

Außerdem hege ich ja einige Erwartungen. Es ist Falco Night, da wird das Publikum eher in meiner Alterskategorie angesiedelt sein und nicht bei U20. Und außerdem… ein bisschen träume ich ja davon, dass mir vielleicht etwas Süßes an dem Abend zuläuft. Nachdem es das Universum in letzter Zeit ja nicht immer so 100%ig gut mit mir gemeint hat, hoffe ich, dass es mich mit einem genialen Abend aussöhnen wird.

Als Johanna und ich so knapp vor 23 Uhr im U4 ankommen (zeitig dort sein ist nur was für Loser), stellen wir fest: eine Bank hat den Nebenraum angemietet und gibt dort eine Party. Was auf den ersten Blick als Vorteil wirkt, entpuppt sich in den nächsten 3 ½ Stunden als mittleres Debakel. Man kann es im Prinzip auf einen Satz reduzieren: Banker sind nicht sexy… Die Schnuckeldichte im U4 liegt unter der Wahrnehmungsgrenze und ist vermutlich nur mit ausgeklügelten statistischen Methoden erhebbar. Das liegt vielleicht auch an der Tatsache, dass das übrige Publikum, welches das U4 bevölkert, auch nicht grad in mein Beuteschema passt. Nachdem Johanna mich in das Geheimnis einweiht, wann ein Mann zu jung für frau ist, um ihn zu daten – Lebensalter / 2 + 7 – stelle ich fest, dass einige der Burschen definitiv unter diese Altersgrenze fallen. Und kleine Fische lässt man ja bekanntlich wieder vom Haken und wirft sie zurück ins Wasser, damit sie noch ein bissl wachsen können.

Wenn man vom vorhandenen Angebot die Banker und die Milchbubis abzieht, was bleibt dann übrig? Naja, eigentlich nimmer sonderlich viel. Ein George-Michael-Verschnitt (inklusive Föhnwelle aus den 80er Jahren), ein paar Bodybuilder und einige Typen mit Hemden, die sie bis zum Bauchnabel aufgeknöpft haben, damit man ihre gesamte Goldketterlpracht in 3D bewundern kann. Selbst nach dem zweiten Vodka-Soda stellen Johanna und ich fest: da is nix g’scheits dabei.

Mein persönlicher Level ist zu dem Zeitpunkt erreicht, wo ich feststelle, dass die bei einigen Jugendlichen so beliebte Vokuhila (üblen Gerüchten zufolge: vorne Business, hinten Party – Einbildung ist auch eine Bildung…) auch den Sprung über die magische Altersgrenze von 20 Jahren geschafft hat. Die Vokuhila lebt! Und wenn ich bei unseren Teenagern noch „sie müssen sich selbst finden“ und „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ als Entschuldigung vorbringe (ich persönlich kenne niemanden, der in den 80er Jahren eine Vokuhila trug und der heute freiwillig die darüber existierenden Fotos herzeigt), rätsle ich, was einen Ü20 dazu treibt, sich aus freien Stücken so zu verunstalten.

Mein Fazit des Abends: einmal hab ich „Amadeus“ gehört (soviel zur Falco Night), zweimal bin ich von Typen angequatscht worden, die ich mir im Leben nicht interessant saufen könnte, und für’s Auge war auch nicht wirklich viel dabei. Und in meinen Ohren pfeift noch am nächsten Morgen der sanfte Tinnitus von der lauten Musik. Aber vielleicht ist es ja mit dem U4 wie mit dem Sex: das „erste Mal“ ist meistens eine Enttäuschung…

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