Traffic
Autofahren kann mitunter in Wien ein rechtes Abenteuer sein. Meiner Meinung nach sollten ja nur jene Leute in Wien fahren dürfen, die auch in Wien den Führerschein gemacht haben. Mag sein, dass das jetzt bundesländerdiskriminierend von mir ist, aber abgesehen davon, dass die Nicht-Wiener grundsätzlich durch die Straßen schleichen, den Verkehr aufhalten und grundsätzlich einfach nur stören, macht es mich krank, wenn halb Wien-Umgebung, Korneuburg und Krems der Ansicht ist, dass sie mit dem Auto zur Arbeit nach Wien pendeln müssen. Noch kränker macht mich die Tatsache, dass diese Leute dann alle vor meiner Haustüre im 19. parken müssen, weil der 19. Bezirk ja noch kein Parkpickerl hat. Blöd für uns Anrainer, wenn wir vielleicht mal Urlaub haben und dann wie ein Satellit den Häuserblock umkreisen müssen, um irgendwann nach einer dreiviertel Stunde einen halben Kilometer entfernt endlich einen raren Parkplatz zu ergattern.
Aber auch, wenn man als Autofahrer in Bewegung ist, ist Wien in diesem Bereich „anders“. Jeder hat es eilig, alle anderen Trottel haben den Führerschein sowieso im Lotto gewonnen und die Kieberer haben ja auch alle Paradeiser auf den Augen. Alles drängelt und auch wenn die Ampel schon dunkelgrün zeigt, fährt jeder noch in die Kreuzung ein – wenn man sich als Autofahrer mal an den Grundsatz „in die Kreuzung nur dann einfahren, wenn man sie auch bei grün noch verlassen kann“ hält, kann zu Stoßzeiten im besten Fall mit einem ohrenbetäubenden Hupkonzert rechnen – im worst case kann’s auch passieren, dass der Fahrer hinter einem selbst aussteigt und mal freundlich den Geisteszustand überprüft.
Aber in Zeiten von Klimaerwärmung und Aktionen wie Live Earth ist es ohnehin besser, den Spritschlucker stehen zu lassen und mit den Öffis zu fahren. Zumindest predigen uns das unsere Stadtpolitiker regelmäßig, und heben gleichzeitig wieder mal die Tarife kräftig an – der autobesitzende Öffifahrer ist sozusagen die doppelte Melkkuh. Aber was tut man nicht alles, um Umwelt und Nerven zu schonen.
Auch ich gehöre zu jenen braven Menschen, die in der Früh und am Abend die Wiener Linien benützen. Und die U-Bahn hat ja auch einen unbestrittenen Vorteil: man kann ungestört iPod hören und kann sich in der neuesten U-Bahn-Zeitung das Horoskop und den Garfield-Cartoon durchlesen. Leider ist die U-Bahn-Zeitung so dünn, dass man grad nur für die Fahrt ins Büro eine geeignete Lektüre hat, am Weg zurück muss man sich damit begnügen, die Mitfahrenden zu beobachten oder einfach aus dem Fenster zu starren. Doch seit Neuestem bin ich dahinter gekommen, dass die Wiener U4 durchaus eine Attraktion hat – einen U-Bahn-Fahrer.
Bis vor kurzem war ich immer der Meinung, dass nur jene Menschen diesen Beruf wählen, die mit möglichst wenig anderen Menschen in Kontakt kommen oder gar reden wollen. Man sitzt den ganzen Tag in seinem Führerhäuschen abgeschottet von der Umwelt und düst wie ein motorisierter Maulwurf durch die Tunnels. Und bis auf das berühmte „Zugfäahtab“ muss man nichts sagen – vielleicht ab und zu mal ein „einsteigen bitte“ oder ein „zuuuurücktreten“. Nichts, was einen umfangreichen aktiven Wortschatz voraussetzt – von Humor, Sarkasmus oder gar Zynismus ganz zu schweigen.
Eines Tages höre ich zufällig am Abend eine Durchsage, dass der Fahrer die Fahrgäste darauf aufmerksam machen möchte, dass das Inlineskaten oder Tretrollerfahren in der U-Bahn und am Bahnsteig tunlichst unterlassen werden sollte, da man sich dabei ziemlich übel verletzen kann. Eines anderen Tages höre ich wieder diese Stimme, die sagt, dass man doch bitte auch andere Waggons außer dem Ersten und dem Letzten verwenden soll – und mir fällt der leicht sarkastische Unterton in der Stimme des Fahrers auf. Ich mag Sarkasmus und beginne zu lächeln.
Immer wieder, wenn ich mit der U4 so zwischen 17 und 18 Uhr fahre, höre ich in regelmäßigen Abständen „meinen“ Fahrer, der zu allen möglichen und unmöglichen Themen seinen Senf dazu gibt – und ich ertappe mich sogar manchmal, dass ich – wenn ich in die U-Bahn einsteige – mich frage, ob ich heute wohl wieder eine Ansprache hören werde.
Auch gestern schaffe ich es mal etwas zeitiger (also zwischen 17 und 18 Uhr) aus dem Büro raus. Und bis zur Station Schwedenplatz herrscht Stille. Am Schwedenplatz drängen sich wieder mal Unmengen an Menschen, die alle in den ersten Waggon hineindrängen. Die Türen schließen sich und der Zug rollt los.
Plötzlich die gewohnte Stimme „für diejenigen unter den Fahrgästen, die es vielleicht noch nicht wissen: ein U-Bahn-Zug hat auf einer Länge von 100 Metern 6 Waggons und 18 Türen. Aus Effizienzgründen wäre es sinnvoll, wenn man sich beim Einsteigen nicht nur die ersten drei Türen aussuchen würde, sondern vielleicht auch in die hinteren Waggons vordringen würde. Da könnte man die ungewohnte Erfahrung machen, dass man sich nicht mit 60 Gleichgesinnten auf einer Plattform drängen muss, sondern dass man etwas Luft zum Atmen hat. Vielleicht mag dem Einen oder Anderen dieses Konzept der Wiener Linien – Züge mit mehr als einem Waggon zur Verfügung zu stellen -, das die Wiener Linien seit den 80er Jahren hartnäckig verfolgen, noch nicht bewusst sein. Ich gebe ihnen den guten Rat – denken sie langfristig, das tun die Wiener Linien nämlich auch, und ich verspreche ihnen, dass sich die Länge des Zuges in den nächsten Jahrzehnten nicht wesentlich ändern wird“. Der halbe Waggon beginnt zu grinsen.
Nach der Station Schottenring die nächste Ansage „es mag sein, dass sich mancher Fahrgast denkt: wenn ich vorne einsteige, spare ich mir beim Aussteigen Zeit und muss nicht mehr so weit gehen. Ich gebe ihnen den Rat – versuchen sie es mal. Sie werden nämlich feststellen, dass wir in Wahrheit Zeit gewinnen werden. Wenn alle nicht nur bei den ersten drei Türen einsteigen, haben wir nicht so lange Aufenthalte in der Station und können viel rascher weiterfahren.“ Der Waggon lacht bereits.
Nach der Rossauer Lände (Himmel, heute ist er echt gesprächig) die dritte Ansage: „Ja, es mag schon sein, dass ich es vielleicht auch 20, 50 oder 100mal versuchen würde, bis ich feststellen würde ‚vielleicht ist doch etwas dran, was der Typ da vorne quatscht’ – seien sie mutig und gehen sie das Risiko beim nächsten Mal einfach ein“.
Abgesehen von der Tatsache, dass man mittlerweile beim U-Bahn-fahren etwas lernen kann (wie Zuglänge, Anzahl der Türen usw) wird man auch tatsächlich gut unterhalten (ich ziehe vor diesem Meister des bösen Sarkasmus meinen Hut). Und für’s Kabarett zahlt man bekanntlich ja auch Eintritt – in diesem Sinne war die letzte Gebührenerhöhung wohl wirklich gerechtfertigt, ich hoffe lediglich, dass der Fahrer, der die Fahrgäste so trefflich zu verarschen versteht, dies auch auf seinem letzten Lohnzettel mit einer Lohnerhöhung honoriert bekam.
Aber auch, wenn man als Autofahrer in Bewegung ist, ist Wien in diesem Bereich „anders“. Jeder hat es eilig, alle anderen Trottel haben den Führerschein sowieso im Lotto gewonnen und die Kieberer haben ja auch alle Paradeiser auf den Augen. Alles drängelt und auch wenn die Ampel schon dunkelgrün zeigt, fährt jeder noch in die Kreuzung ein – wenn man sich als Autofahrer mal an den Grundsatz „in die Kreuzung nur dann einfahren, wenn man sie auch bei grün noch verlassen kann“ hält, kann zu Stoßzeiten im besten Fall mit einem ohrenbetäubenden Hupkonzert rechnen – im worst case kann’s auch passieren, dass der Fahrer hinter einem selbst aussteigt und mal freundlich den Geisteszustand überprüft.
Aber in Zeiten von Klimaerwärmung und Aktionen wie Live Earth ist es ohnehin besser, den Spritschlucker stehen zu lassen und mit den Öffis zu fahren. Zumindest predigen uns das unsere Stadtpolitiker regelmäßig, und heben gleichzeitig wieder mal die Tarife kräftig an – der autobesitzende Öffifahrer ist sozusagen die doppelte Melkkuh. Aber was tut man nicht alles, um Umwelt und Nerven zu schonen.
Auch ich gehöre zu jenen braven Menschen, die in der Früh und am Abend die Wiener Linien benützen. Und die U-Bahn hat ja auch einen unbestrittenen Vorteil: man kann ungestört iPod hören und kann sich in der neuesten U-Bahn-Zeitung das Horoskop und den Garfield-Cartoon durchlesen. Leider ist die U-Bahn-Zeitung so dünn, dass man grad nur für die Fahrt ins Büro eine geeignete Lektüre hat, am Weg zurück muss man sich damit begnügen, die Mitfahrenden zu beobachten oder einfach aus dem Fenster zu starren. Doch seit Neuestem bin ich dahinter gekommen, dass die Wiener U4 durchaus eine Attraktion hat – einen U-Bahn-Fahrer.
Bis vor kurzem war ich immer der Meinung, dass nur jene Menschen diesen Beruf wählen, die mit möglichst wenig anderen Menschen in Kontakt kommen oder gar reden wollen. Man sitzt den ganzen Tag in seinem Führerhäuschen abgeschottet von der Umwelt und düst wie ein motorisierter Maulwurf durch die Tunnels. Und bis auf das berühmte „Zugfäahtab“ muss man nichts sagen – vielleicht ab und zu mal ein „einsteigen bitte“ oder ein „zuuuurücktreten“. Nichts, was einen umfangreichen aktiven Wortschatz voraussetzt – von Humor, Sarkasmus oder gar Zynismus ganz zu schweigen.
Eines Tages höre ich zufällig am Abend eine Durchsage, dass der Fahrer die Fahrgäste darauf aufmerksam machen möchte, dass das Inlineskaten oder Tretrollerfahren in der U-Bahn und am Bahnsteig tunlichst unterlassen werden sollte, da man sich dabei ziemlich übel verletzen kann. Eines anderen Tages höre ich wieder diese Stimme, die sagt, dass man doch bitte auch andere Waggons außer dem Ersten und dem Letzten verwenden soll – und mir fällt der leicht sarkastische Unterton in der Stimme des Fahrers auf. Ich mag Sarkasmus und beginne zu lächeln.
Immer wieder, wenn ich mit der U4 so zwischen 17 und 18 Uhr fahre, höre ich in regelmäßigen Abständen „meinen“ Fahrer, der zu allen möglichen und unmöglichen Themen seinen Senf dazu gibt – und ich ertappe mich sogar manchmal, dass ich – wenn ich in die U-Bahn einsteige – mich frage, ob ich heute wohl wieder eine Ansprache hören werde.
Auch gestern schaffe ich es mal etwas zeitiger (also zwischen 17 und 18 Uhr) aus dem Büro raus. Und bis zur Station Schwedenplatz herrscht Stille. Am Schwedenplatz drängen sich wieder mal Unmengen an Menschen, die alle in den ersten Waggon hineindrängen. Die Türen schließen sich und der Zug rollt los.
Plötzlich die gewohnte Stimme „für diejenigen unter den Fahrgästen, die es vielleicht noch nicht wissen: ein U-Bahn-Zug hat auf einer Länge von 100 Metern 6 Waggons und 18 Türen. Aus Effizienzgründen wäre es sinnvoll, wenn man sich beim Einsteigen nicht nur die ersten drei Türen aussuchen würde, sondern vielleicht auch in die hinteren Waggons vordringen würde. Da könnte man die ungewohnte Erfahrung machen, dass man sich nicht mit 60 Gleichgesinnten auf einer Plattform drängen muss, sondern dass man etwas Luft zum Atmen hat. Vielleicht mag dem Einen oder Anderen dieses Konzept der Wiener Linien – Züge mit mehr als einem Waggon zur Verfügung zu stellen -, das die Wiener Linien seit den 80er Jahren hartnäckig verfolgen, noch nicht bewusst sein. Ich gebe ihnen den guten Rat – denken sie langfristig, das tun die Wiener Linien nämlich auch, und ich verspreche ihnen, dass sich die Länge des Zuges in den nächsten Jahrzehnten nicht wesentlich ändern wird“. Der halbe Waggon beginnt zu grinsen.
Nach der Station Schottenring die nächste Ansage „es mag sein, dass sich mancher Fahrgast denkt: wenn ich vorne einsteige, spare ich mir beim Aussteigen Zeit und muss nicht mehr so weit gehen. Ich gebe ihnen den Rat – versuchen sie es mal. Sie werden nämlich feststellen, dass wir in Wahrheit Zeit gewinnen werden. Wenn alle nicht nur bei den ersten drei Türen einsteigen, haben wir nicht so lange Aufenthalte in der Station und können viel rascher weiterfahren.“ Der Waggon lacht bereits.
Nach der Rossauer Lände (Himmel, heute ist er echt gesprächig) die dritte Ansage: „Ja, es mag schon sein, dass ich es vielleicht auch 20, 50 oder 100mal versuchen würde, bis ich feststellen würde ‚vielleicht ist doch etwas dran, was der Typ da vorne quatscht’ – seien sie mutig und gehen sie das Risiko beim nächsten Mal einfach ein“.
Abgesehen von der Tatsache, dass man mittlerweile beim U-Bahn-fahren etwas lernen kann (wie Zuglänge, Anzahl der Türen usw) wird man auch tatsächlich gut unterhalten (ich ziehe vor diesem Meister des bösen Sarkasmus meinen Hut). Und für’s Kabarett zahlt man bekanntlich ja auch Eintritt – in diesem Sinne war die letzte Gebührenerhöhung wohl wirklich gerechtfertigt, ich hoffe lediglich, dass der Fahrer, der die Fahrgäste so trefflich zu verarschen versteht, dies auch auf seinem letzten Lohnzettel mit einer Lohnerhöhung honoriert bekam.
drewshine - 5. Jul, 22:18